Rede von Bischof Munib A. Younan
Rede von Bischof Munib A. Younan, ELCJHL
vor der Kirchenleitung der VELKD
Ich bin als Flüchtling in der Altstadt von Jerusalem aufgewachsen, und zu Hause und in der Kirche wurde ich gelehrt, Islam, Judentum, Christentum und andere Traditionen zu respektieren. In meiner Jugend habe ich geglaubt, dass die Welt immer nur besser und besser werden würde. Jedes Mal, wenn ich jetzt sehe, was in unserer heutigen Welt geschieht, bin ich geschockt und traurig darüber, dass die Welt mehr an die Liebe zur Macht glaubt als an die Macht der Liebe. Unsere Welt hat begonnen, Waffen, Mauern und Krieg im Namen von Frieden und Sicherheit zu verehren. Wir haben begonnen, die Heiligen Schriften der Religionen zu benutzen, um Ungerechtigkeit zu rechtfertigen und Unterdrückung und Vormachtstellung zu festigen. Die neue Welle des Antisemitismus, die wachsende Angst vor dem Islam und die starke Zunahme der Fremdenfeindlichkeit stigmatisieren und dämonisieren die Menschen durch Rassismus, Angst und Unwissenheit. Diese Entwicklung verstärkt Hass, Zorn und Angst gegenüber dem anderen und erhält sie am Leben, indem sie dem anderen das Gesicht des Feindes geben.
Einige betrachten die kürzlich zu beobachtenden Besorgnis erregenden Reaktionen auf die Worte des Papstes oder die dänischen Karikaturen vor einem Jahr und sehen darin den Beweis für ein „Aufeinanderprallen der Zivilisationen“. Einige im Westen nehmen den Kampf gegen den Islam auf, als sei die ganze Religion schlecht. Einige Islamisten meinen, sie hätten eine messianische Aufgabe, denen Gerechtigkeit zu bringen, die durch westliche Gewalt und Wirtschaftsmacht unterdrückt wurden.
Einige christliche Zionisten, die stark sind und in Amerika an Macht gewinnen, predigen, dass der Gott des Islam – die Linie von Hagar – Allah ist und ein völlig anderer Gott als der christliche oder jüdische Gott Abrahams – durch die Linie von Isaak. Dies ist ein gefährlicher Trend, und er wird das Problem verschlimmern. Wir brauchen gute Beziehungen zum Islam, und wir als palästinensische Christen haben die einzigartige Aufgabe, beim Brückenbau zwischen den Muslimen und der westlichen Welt zu helfen. König Abdullah II von Jordanien erzählte einer Gruppe von 170 Muftis und muslimischen Schülern in Amman im Juli 2005, arabische Christen seien der „Leim“ (= das Verbindende) der arabischen Gesellschaft und garantieren das Vorhandensein der zivilen demokratischen Gesellschaft in der arabischen Welt. Der Erzbischof von Spanien sagte nach den Bombenanschlägen in Madrid: „Wir müssen von den arabischen Christen lernen, wie man mit Muslimen zusammenlebt.“
Wir – Christen, Muslime und Juden – sind heute besonders aufgerufen, unsere gemeinsamen Werte von Mitgefühl, Gerechtigkeit, Menschenwürde und gleichen, von Gott gegebenen
Menschenrechten für alle zu finden und zu fördern. Wir dürfen den Extremisten nicht erlauben, unsere Religionen als Geiseln zu nehmen, ganze Religionen zu verteufeln ...

